Abenteuerliche Wanderfahrt mit nassen Füßen

Erstellt am 09. September 2026

Ich bin in diesem Sommer zu meiner ersten Wanderruderfahrt aufgebrochen: die TiB-TiB-Fahrt.

Vor etwa einem Jahr lernte ich bei einem Anfängerkurs in der TiB Oberspree das Rudern kennen und bin daraufhin in den Verein eingetreten.

Die TiB-TiB-Fahrt fand an einem Wochenende im Juni statt. Ich war jetzt zwar keine blutige Anfängerin mehr, aber als besonders fortgeschritten oder erfahren hätte ich mich auch noch nicht bezeichnen wollen. Die Hälfte der etwa zehn Leute aus dem Verein, mit denen ich zwei Tage unterwegs sein sollte, kannte ich noch nicht. Dementsprechend kam ich vielleicht etwas nervös und aufgeregt, aber voller Vorfreude am Samstagmorgen im TiB-Wassersportzentrum in Oberspree mit Sack und Pack an.

Die Aufregung legte sich aber schnell: Bevor es losging, gab es erst mal Kaffee und einen ziemlich leckeren Kuchen, alle waren entspannt und, wie sich außerdem herausstellte, sehr nett und herzlich.

Dann aber hieß es Einpacken und Ablegen. Ziel unserer Fahrt war die Spandauer Ruderriege der TiB in Tiefwerder. 35 km an einem Tag, einmal quer durch Berlin – Spree, Landwehrkanal, Havel – und am nächsten Tag wieder zurück. Ich dachte nur, 70 km Rudern, na, wird schon werden. Das Wetter war super, etwas heiß, aber schön.

Mit zwei Booten, der Moldau und der Möllensee, ging es auf zum ersten Etappenziel, dem Urbanhafen. Zuerst über ein Stückchen Spree stadteinwärts, dann über den Britzer Verbindungskanal in den Neuköllner Schifffahrtskanal, wo uns die erste Schleuse erwartete, um schließlich über den Landwehrkanal durch Neukölln und Kreuzberg zu schippern.

Bereits während dieser ersten Etappe wurden die ersten Eigentümlichkeiten der Fahrt bemerkt; dass es in all den Jahren (die TiB-TiB-Fahrt wird jährlich seit Mitte der 90er unternommen) noch nie so ruhig gewesen sei auf dem Wasser, und tatsächlich – trotz Wochenende, trotz prima Wetter – das Wasser war glatt, die Stadt war schon fast gespenstisch ruhig. Spätestens in Kreuzberg hätten wir Tumult und Rummel an Land und auf dem Wasser erwartet.

Vielleicht lag es an der Hitze und an den Gewittern, die für das Wochenende vom Wetterdienst angedroht wurden.

An der Neuköllner Schleuse lief aber schon mal alles wie am Schnürchen. Auf der Fahrt dorthin wurden die verschiedensten Geschichten über Schleusen ausgepackt. Einige erfahrene Ruderer aus unserer Gruppe erinnerten sich daran, dass eine Schleusendurchfahrt im allerschlimmsten Fall unter bestimmten Umständen Stunden dauern kann … aber als wir dort ankamen, stand die Ampel auf Grün und wir konnten unbekümmert durchrauschen.

Im schönen Urbanhafen angelegt, haben sich gleich ein paar abgeseilt für ein erstes Bierchen im Van Loon. Erste Etappe geschafft!

Nach unserer Pause ging es gut gelaunt weiter Richtung Tiergarten, wo uns die zweite von den insgesamt drei Schleusen der Fahrt erwartete. Hier an der Unterschleuse mussten wir auch nicht lange warten, sondern konnten wieder gleich mit reinrutschen. Was war denn nur los auf dieser Fahrt? Alles anders als sonst, sagten die Rudernatives.

Im Gegensatz zur Neuköllner Selbstbediener-Schleuse, die von jemandem aus der Ferne per Videoassistenz ohne jedwedes Audiosignal gesteuert wird, konnten wir uns an der Unterschleuse beim dortigen Schleusenwärter lauthals mit „Dem Schleusenwärter zum Dank ein dreifaches TiB-TiB-Hurra!!“ bedanken. Das hat nicht nur den Wärter und uns, sondern auch die Leute ringsum gefreut, die es mitbekommen haben.

Weiter ging es in dieser zweiten Etappe zum nächsten Halt, der Caprivi-Brücke in Charlottenburg. Hier haben wir bei einer (oder waren es zwei …?) Runden Bier eine einstündige Pause eingelegt und den angekündigten Regen abgewartet, der am Ende doch nicht kommen wollte.

Als es weiterging, hieß es, jetzt steuerst du mal.

Ich glaube, fürs erste Mal habe ich mich ganz gut geschlagen. Und weil ich so einen guten Support aus dem Boot hatte, habe ich uns ganz passabel durch die letzte Schleuse der Hinfahrt gebracht.

Während der gesamten Fahrt durfte ich verschiedene tradierte Ruderregeln aufschnappen, bei denen es sich, ich würde sagen, fast ausschließlich um das gegenseitige Spendieren von Freibier dreht. Es mangelt hier wirklich nicht an Gelegenheiten, die dazu führen … Neuwasser zum Beispiel. Oder, was mehrfach vorgekommen war: Wenn eines der Fahrtenboote das Boot des Fahrtenleiters überholt, dann hat der Fahrtenleiter ein Bier frei. Dass ich als Steuerfrau der Mannschaft ein Bier zu spendieren habe, wenn wir gerade eine Brücke unterqueren, über die just in diesem Moment ein Zug fährt, das ist eine der raffinierteren Regeln, wie ich finde. Zum Glück waren alle Brücken, die ich auf meinem Steuersitz unterquert habe, unbefahren. Da ich aber auch schon sehr viel Neuwasser auf dem Konto hatte, war man grundsätzlich gnädig mit mir.

Von meinem Steuersitz aus konnte ich die letzte Etappe über die Aussicht genießen. Nach der Schleuse wurde es wieder weniger städtisch, neben der Natur bekamen wir auch das ein oder andere Industriegelände zu sehen. Nach einigen Kilometern grüner Böschungen öffnete sich schließlich der Blick auf die Altstadt Spandau – von dort aus ging es dann über die Havel in einen kleinen Seitenarm, den Südhafen. Dort lag unser Ziel.

Wir wurden sehr herzlich empfangen! Bevor wir uns auf das liebevoll zubereitete Buffet und die Zapfanlage stürzen konnten, war erst mal die lang ersehnte Abkühlung vom Steg aus ins Wasser angesagt.

Wir haben nach dem Essen noch lange am Lagerfeuer gesessen, aber nicht zu lang … (na ja, es war schon nach Mitternacht), denn am nächsten Morgen hieß es zeitig aufstehen, frühstücken (es gab sehr leckere Eierkuchen), um sodann um neun Uhr abzulegen und zurückzurudern.

Ganz so reibungslos wie die Hinfahrt sollte es natürlich nicht werden, am Ende gibt es ja sonst nichts zu erzählen.

Bei drückender Hitze starteten wir zurück in die Stadt. Irgendwas sollte heute noch runterkommen, das lag auf der Hand. Während unserer Pause an der Caprivi-Brücke braute sich am Horizont ordentlich was zusammen.

Dann der Regenradar-Check. Warten wir noch ab oder fahren wir schnell los und vom Unwetter weg? Wo ziehen die Wolken lang? Unsere Fragen hatten sich dann doch schnell erledigt, als vom Himmel die Antwort kam; ein fetter Regenguss trieb uns unter die breite Brücke.

Dort blieben wir dann fast eine Stunde, bis sich Donner, Blitz, Wind und Wasser endlich verabschiedet hatten. Wasser war auf einmal überall: Der Weg unter der Brücke wurde nach und nach geflutet, es sprudelte aus den Gewässerauslässen der Ufermauern, und unsere Boote fanden wir bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt vor. Da half nur geduldiges Schöpfen.

Aber dann endlich wieder in die Boote!

Irgendwie dachte ich immer, so ein prasselnder Regen hat doch was Reinigendes … Ich war allerdings noch nie nach so einem Guss auf dem Landwehrkanal gewesen. Gefühlt wurde die halbe Kanalisation Berlins und massenweise Unrat von den Böschungen in den Kanal gespült. Haben wir nicht gestern an derselben Stelle noch beherzt unsere Cäppis ins Wasser getaucht, um sie auf das von der Sonne erhitzte Haupt zu setzen und uns eine Abkühlung zu verschaffen?

Jetzt wollte man nicht mal mehr den kleinen Finger in die Kloake tauchen.

Bis zur Unterschleuse am Zoo bewegten wir uns durch eine braune, stinkende Suppe, in der alles Mögliche an uns vorbei schwamm. Interessanterweise mussten wir die Boote diesmal eine Weile anlegen und warten, bis mehrere Ausflugsdampfer die Schleuse passiert hatten. Genug Zeit, um das Odeur vollends auszukosten.

Nach der Schleuse beruhigte sich die Lage allmählich und irgendwann in Kreuzberg war alles wieder beim Alten – der Spuk war vorbei.

Wir kamen dennoch guter Dinge und zeitig wieder in der TiB Oberspree an. Ein schönes und ereignisreiches, lustiges und entspannt sportliches Wochenende war zu Ende. Es hatte richtig Spaß und ohne Zweifel Lust auf weitere Wanderfahrten gemacht. Die 70 km lange Strecke war am Ende mit jedem Ruderschlag schneller vorbeigezogen, als anfänglich gedacht.

Text: Nina Clermont